Veranstaltungen

Hier sind die Zusammenfassungen der Veranstaltungen, an denen wir im Rahmen des Projektes teilgenommen haben.

 

27.04.2017 – Voll Retro! Kulturbetriebe im Gespräch

Die Fishbowl-Diskussion finden in den Räumen des “Wettbureaus” statt. Mit dabei sind Vertreter_innen von oktoberdruck, 123comics, WigWam und Fahrwerk. Sie alle organisieren sich im Kollektiv und distribuieren Verantwortung dezentral. Eine Goldgrube für unser Forschungsinteresse.
Immer wieder kommt der Vergleich einer Organisation mit einem Gefäß auf, das durch bestimmte Prinzipien, Umgangsformen und Verantwortliche stabil gehalten wird. Dazu tragen sowohl die innere Verfassung wie auch die äußere Rechtsform bei.

  • Dieses Konzept resoniert mit dem Prinzip “holding the space”, aus Holacracy.Einige der Kollektive zahlen ihren Mitglieder ihr Wunschgehalt (mit prozentualen Abstrichen) aus. Das Wunschgehalt und das tatsächliche Gehalt sind allen anderen Mitgliedern transparent.
  • Auch dieses Prinzip lässt sich in der Holacracy-Verfassung wiederfinden.

Auf die Frage hin, inwieweit die Kollektive schon mit holakratischen und ähnlichen Modellen in Kontakt gekommen sind, geben einige zu schon davon gehört zu haben, sich zum Teil darüber informiert zu haben, jedoch keine der vorgeschlagenen Prinzipien übernommen zu haben. Interessanterweise ähnelt z.B. die kreishafte Organisationsstruktur von WigWam, die sich auf mediale Kommunikation und Beratung spezialisiert haben, der holakratischen sehr. Dies könnte ein Indiz für die emergente Form neuer Organisationen sein, von denen Frederic Laloux schreibt.

Octoberdruck sind seit den 1970ern als linkes, autonom organisiertes Druckkollektiv aktiv. Die dienstälteste Vertreterin spricht von nötigen inneren und äußeren Bedingungen, die ein Kollektiv braucht, um gut zu arbeiten. Dies spricht unser Forschungsinteresse direkt an.
Wir fragen sie welche Rolle der Wettbewerb mit anderen Betrieben dieser Branche spielt. Ihre Antwort: Je mehr Druck von außen kam, desto motivierter arbeitete das Kollektiv. Sie bezeichnete dies als “gallischen Widerstand”.

Vertrauen scheint für die Kollektive die wichtigste immaterielle Ressource zu sein. Dies bedeutet auch, individuelle Konflikte offen zu legen und explizit zu machen. Überzeugung und Einverständnis mit den Werten des Kollektivs seien wichtigere Motivationsquellen, als finanzielle Anreize und würden für hohe Arbeitsqualität sorgen. Form und Inhalt der Arbeitsweise würden sich von den höchsten Werten des Kollektivs automatisch ableiten, so WigWam. Ihnen sei bspw. wichtig, selbstbestimmt zu arbeiten, gewaltfrei zu kommunizieren, Verantwortung gerecht zu verteilen und durch das Hinaustragen der inneren Werte gesellschaftliche Wirkung zu erzeugen. Eine klare Definition des Zieles seit dafür absolut notwendig.

  • Idee: What about a Trust-based Economy?

Alle anwesenden Vertreter_innen hatten schon Beratungen und Coachings beansprucht. Der “Blick von Außen” sei wichtig, um der oft unbewusst auftretenden Betriebsblindheit entgegenzuwirken und eine neutrale Perspektive auf die “Gesundheit” der Organisationsstruktur zu gewinnen.

Unsere letzte Frage betrifft unsere Vorannahme, dass New-Work-Modelle vor allem ein Phänomen und Privileg der Bildungselite seien. Außerdem seien die Prinzipien von Holakratie, Soziokratie und kollektiv organisierter Arbeit nicht neu. Sie ähneln erstaunlich stark dem von Karl Marx propagierten Rätesystem. Die Vertreterin von Oktoberdruck bestätigt dies sofort, wohingegen die jüngeren Vertreter_innen argumentiern, dies sei auf einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel zurückzuführen.
Bevor die Diskussion endet wirft eine der Veranstalterinnen ein, dass bisher nicht betrachtet wurde, welche Rolle die Gewerkschaften in diesem Prozess einnehmen. Dieser Einwand ist mehr als berechtigt und könnte unseren Forschungsfokus noch etwas erweitern.


04.05.2017 – The Changer-Hangout: The Future of Work, Impact Hub

The Changer ist ein Start-Up im Bereich Job-Vermittlung. Ähnlich wie ihre Kollegen von Tandemploy und StadtLandFlow vermitteln sie als Social Enterprise “sinnvolle” Arbeit an Menschen die danach suchen. Sie beschäftigen sich zudem mit New Work-Modellen.
Die Veranstaltung findet in den Räumen des Impact Hub statt, eines Coworking-Space, der jungen Start-Ups Unterstützung in Form von Räumlichkeiten, Equipment und Beratung anbietet.

Die Vortragenden sind zum einen der Gründer von TheDive, die ebenfalls unsere Interviewpartner sind, sowie die Gründerin von einhorn, die fair produzierte Kondome vertreiben und sich non-hierarchisch organisieren.
TheDive wendet die Prinzipien aus Clare Graves Nodell “Spiral Dynamics” an, das seit dem Erscheinen von Frederic Laloux Buch “Reinventing Organizations” einen Hype in der Start-Up-Szene erfährt. Spiral Dynamics betrachtet Organisationen als evolutierende Gebilde, die sich stets weiter entwickeln und neue Stufen der Kompexität und Selbstorganisation entwickeln. TheDive betreibt in erster Linie Unternehmensberatung. Ihre Felder nennen sie “Work Space Design”, “Forward Thinking Models” und “Transformation Communities” was unserem Forschungsinteresse am nächsten kommt. Zurzeit entwickeln sie ein Leadership-Schulungsmodul für Unternehmer_innen. Sie benutzen keinen Blueprint, sondern wenden verschiedene Prinzipien der einzelnen New Work – Modelle an, wie z.B. den Integrationsprozess von Holacracy. Für jedes ihrer Projekte gelten andere Prinzipien, je nach Anforderung. So können durchaus Kompetenz-basierte Hierarchien entstehen, jedoch, laut eigener Aussage, nie Macht-basierte. Der Gründer Simon stellt dar, dass Organsationen neuen Typs statt eines “entweder-oder”-, ein “und-auch”-Mindset entwickeln und nach stetiger Synchronisation zwischen innerer Struktur und äußerer Praxis streben. Eine weitere Praxis von TheDive ist ein “feedback-based salary”, d.h. ein transparentes Gehalt nach Bedarf.

Einhorn verwendet keine vorgegebenen Modelle und verzichtet auf Rollen, wie es etwa Holacracy vorsieht. Ihre wichtigsten Grundlagen seien Vertrauen, Kommunikation und Transparenz. Mitarbeiter_innen dürfen sich solange Urlaub nehmen wie sie wollen.

Nach den Vorträgen beginnt die für diese “Szene” und Art der Veranstaltung typische Netzwerk-Phase. Ich frage Simon, den TheDive-Gründer, inwieweit es Ambitionen gibt auch offizielle Verwaltungen mit New Work-Prinzipien vertraut zu machen. Er verneint dies, verspricht jedoch sich in seinem Umkreis umzuhören und mir Kontakte zu geben sowie einen Interviewtermin vorzuschlagen. Wir sprechen verschiedene Personen an und erfragen nach die Namen von Personen und Organisationen die unserem Forschungsinteresse helfen könnten. Am vielversprechendsten scheint dabei die Organisation Civocracy zu sein. Wir lassen uns Kontakte geben.

In einem lockeren Gespräch mit einer Gruppe ohne Start-Up-Bezug wird uns noch einmal bestätigt, dass unsere Vermutung, New Work sei ein Phänomen der Bildungselite, bestätigt. Interessant ist auch eine Aussage von einem Freelancer, dass er die Neue Arbeit in der Gruppe als therapeutisch empfindet.


29.05.2017 – Kampagnenlaunch: de.MOCRACY is Everything, Factory

Factory ist eine Berliner Start-Up-Community die drei Jahre nach der Gründung die größte ihrer Art in Deutschland ist. Als Plattform für junge Unternehmer_innen und Kreative soll sie nun auch den politischen Diskurs angehen. Die Veranstaltung dient als Auftakt für eine entsprechende Kampagne, die den diesjährigen Wahlkampf begleitet.
Ziel ist das Zusammenbringen von Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, um nach digitalen Lösungen für politische Probleme zu suchen.

Die erste Rednerin ist Anne Kjaer Rievert. Sie ist die Gründerin der rEDI-school, die jungen Geflüchteten die Möglichkeit bietet, sich mit IT-Expertise auszustatten. Integration, so Rievert, sei immer ein Dialog über eine gemeinsame Zukunft. Zurzeit seien 51.000 Stellen in der IT-Branche frei.
Die rEDI-school verfolgt einen ko-kreativen Ansatz, in dem die Studierenden in die Gestaltung des Studium miteinbezogen werden. Wichtig sei ein spielerisches Lernen mit flexiblen Hierarchien. Maßgebend für Erfolg sei zum einen was man kann, zum anderen wenn man kennt (What you know / Who you know). Gemeinsam mit Unternehmen wie SAP, facebook oder Cisco gestaltet rEDI verschiedene Lernräume und Workshops. Das Studium ist vollständig projektgetrieben. Als Grundlage zur Themenfindung wird Design Thinking angewandt. Absolvent_innen können mit ihren fertigen Ideen in die Gründung gehen oder Jobs in IT-Unternehmen bekommen.

Das zweite Panel wird mit Vertreter_innen der Medien geführt. Diskussionsgrundlage sind Fake News und der Berufsethos guten Journalismus’.

Im dritten Panel pitchen die Netzpolitiker_innen der Linken, der SPD, der CDU und der Grünen ihre Konzepte zum politischen Umgang mit digitalen Themen.

  • Anke Domscheit-Berg von der Linken ist der Meinung, eine Gigabit-Gesellschaft brauche eine entsprechende Infrastruktur. Daher sei ein bundesweites Glasfasernetz enorm wichtig. Der Ausbau solle durch öffentliche Tröger geschehen. Die Städte sollen sich auf die Transformation zu Smart Cities konzentrieren. Internetzugang solle zum Existenzminimum gehören. Gleichzeitig solle eine zeitgemäße Bildung bezüglich Digitalisierung schon in der Schule beginnen. Open Science und Open Government seien grundlegend für eine digitale demokratische Gesellschaft. Domscheit-Berg fordert einen Bundesinnovationsfond und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Internet solle als natürliches Monopol in öffentlicher Hand liegen.
  • Lars Klingbeil von der SPD vertritt ähnliche Ideen. Es solle ein Ministerium für Digitalisierung eingeesetzt werden und das Kooperationsverbot zwischen den Ländern bezüglich ihrer Bildungsprogramme aufgehoben werden. Mindestens 20 Mrd. Euro sollen in bundesweite Bildung gesteckt werden. Es solle ein Recht auf mobile Arbeit verwirklicht werden, denn dies sei angemessen für die Lebensrealität junger Gebildeter.
  • Thomas Jarzombek aus der CDU betont die Notwendigkeit von mehr IT-Expert_innen und Datenwissenschaftler_innen. Die Schule solle digital werden. Alle sollen Anspruch auf eine digitale Weiterbildung haben. E-Government soll als benutzerfreundliche Plattform den Zugang zu partizipativen Kanälen erleichtern. Es müsse ein Open-Data-Gesetz geben und eine EU-weite interoperable Plattform zum behördlichen Informationsaustausch.
  • Malte Spitz der Grünen-Politiker sieht das Problem in der Angst vor der digitalen Veränderung. Diese gelte es abzulegen aber dennoch vorsichtig an der Transformation zu arbeiten. Digitale Vernetzung müsse jeden noch so abgelegenen Bauernhof erreichen.

Das Event endet mit lockerem Networking.

 

 

 

 

Design Thinking Workshop